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Wie nachhaltig ist Secondhand Kleidung?

Wie ihr wisst, bin ich schon lange ein großer Fan von gebrauchter Kleidung – ich bin damit aufgewachsen und habe schon immer viele Secondhand Teile getragen. Was mir natürlich auch nicht entgangen ist: in den letzten Jahren wurde dieses Thema immer beliebter und gebrauchte Kleidung findet immer mehr Anklang. Ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als es „uncool“ war, bereits genutztes zu tragen. Gebrauchte Kleidung wurde, jedenfalls hab ich das so empfunden, mit „nicht genügend Geld haben, um sich was Neues kaufen zu können“ verbunden. Ich würde mal behaupten, dass sich dieses „Vorurteil“ oder Klischee in den letzten Jahren bei den meisten Leuten aus den Köpfen verabschiedet hat. Die Möglichkeiten, gebrauchte Kleidung zu kaufen, hat in den letzten Jahren enorm zugenommen – Plattformen wie Kleiderkreisel, Mädchenflohmarkt oder ubup erfreuen sich großer Beliebtheit – den Samstagmorgen auf einem Flohmarkt zu verbringen wird zum beliebten Ausflugsziel.

Doch so spannend ich diese Entwicklung auch finde, muss man das Ganze natürlich auch kritisch betrachten – denn aus Flohmarktschnäppchen und Schätzen aus Omas Kleiderschrank ist mittlerweile ein Trend geworden.

„Secondhand ist das Nachhaltigste was man machen kann“ – warum diese Aussage nicht immer stimmt

Ich gebe zu – von mir hat man genau diesen Satz vermutlich bereits mehr als einmal gehört. Denn Secondhand Produkte, egal welcher Art, befinden sich bereits im Kreislauf, wenn ich etwas Gebrauchtes kaufe, werden keine neuen Ressourcen für die Herstellung benötigt.
Als eine kleine Übersicht: für ein Baumwoll T-Shirt werden ca. 2000 Liter Wasser benötigt. Für die Produktion einer Jeans ca. 10.000 Liter Wasser. All das kann ich einsparen, wenn ich statt ein neu produziertes Teil ein gebrauchtes kaufe. Klingt erst mal total nachhaltig, oder?

Ja, aber …

Dass ich beim Kauf gebrauchter Kleidung Ressourcen einspare, ist meiner Meinung nach einer der größten und wichtigsten Punkte, wenn es um die Frage geht, wie nachhaltig mein Secondhand-Kauf ist. Aber es gibt, finde ich weitere Punkte, auf die man eingehen muss:
– aus welchen Materialien sind sie?
– wo kaufe ich die Sachen?
– woher kommt die Kleidung?

Denn eine Sache, die ich in den letzten Jahren gelernt habe, ist: Secondhand ist nicht gleich Secondhand. Es macht einen großen Unterschied, wo ich die Sachen kaufe, denn: auch diese Kleidung kommt ja von irgendwo her und ist nicht mit einem Fingerschnippen im Kleiderschrank einer Kleiderkreisel-Verkäuferin oder auf den Kleiderstangen eines Secondhand-Ladens gelandet.

Die Sache mit dem Material

Widmen wir uns zu allererst diesem Punkt – dem Material. Seit einigen Jahren achte ich sehr stark darauf, woraus meine Kleidung ist – nicht nur beim Neukauf, sondern auch bei Secondhand Kleidung.
Polyester kommt mir kaum noch in den Schrank – vor allem nicht bei Oberteilen oder Hosen. Denn das kann noch so weit und locker geschnitten sein – am Ende schwitze ich trotzdem. Und mal abgesehen davon, dass ich das Tragegefühl von Polyester einfach extrem unangenehm finde, haben wir natürlich auch hier das Mikroplastik Problem: beim Waschen von Polyester Kleidung lösen sich kleinste Fasern, die am Ende in den Flüssen und Meeren landen. Hier könnt ihr noch mehr dazu lesen. Deshalb achte ich sehr darauf, dass es sich um natürliche Materialien handelt, bevor ich etwas kaufe: Baumwolle, Leinen, Tencel, Hanf … da gibt es wirklich eine Vielzahl an Möglichkeiten.

Wo kaufe ich die Kleidung ein?

Die Frage nach dem Wo ist ganz eng mit dem woher verbunden – aber eines nach dem anderen.
Wenn man sich den Markt mit gebrauchter Kleidung anschaut, wird recht schnell klar, dass er sich in den letzten Jahren gewandelt hat. Neben kleinen lokalen Secondhand Läden in den Innenstädten gibt es mittlerweile auch eine große Anzahl an Secondhand Shop-Ketten – teilweise riesige, mehrstöckige Filialen, die ein nahezu unüberschaubares Angebot an gebrauchter Kleidung anbieten. Da muss man sich natürlich die Frage stellen: woher kommen diese Massen an Kleidung? Ankäufe von Privatpersonen, wie es meist in kleineren Boutiquen gemacht wird, finden in solchen Geschäften in der Regel nicht statt.

Ich hab auf den Homepages einiger dieser großen Ketten gesucht, ob man dort Infos findet, wie die Kleidung in die Geschäfte kommt, woher die Sachen kommen. Man bekommt wenig bis gar keine Infos dazu. In Interviews und Zeitungsartikeln findet man teilweise schwammige Formulierungen.
Eine Sache, auf die ich recht schnell gestoßen bin: das Aufstellen von Kleidercontainern. Dort kann jeder aussortierte Kleidung einwerfen – ob erkennbar ist, dass diese am Ende in großen Geschäften verkauft und nicht gespendet wird, kann ich jedoch nicht sagen.

Das Problem mit den Containern

Gehen wir mal davon aus, dass sich die Person, die ihre aussortierte Kleidung in so einen Container eines großen Secondhand Ladens wirft, bewusst ist, dass sie damit keine Spende an eine wohltätige Organisation leistet. Was passiert jedoch mit den Sachen, die von dem Unternehmen aussortiert werden? Die beispielsweise nicht ins Sortiment passen? Sie werden exportiert. Zu einem großen Teil nach Afrika, wo unsere gebrauchte Kleidung die lokale Wirtschaft stark beeinflusst: unsere gebrauchte Kleidung ist ein großes Problem für den lokalen Markt, da die Nachfrage nach lokalen Produkten dort immer weiter zurück geht. Hier findet ihr einen sehr spannenden Artikel dazu. Die Vorstellung, dass mit unserer aussortierten Kleidung etwas Gutes getan wird, entspricht einfach nicht ganz der Realität.

Wenn gebrauchte Mode zur Massenware wird

Ein weiterer Punkt, den man meiner Meinung nach nicht außer Acht lassen sollte ist die Entwicklung, die der Verkauf und Kauf gebrauchter Kleidung in den letzten Jahren genommen hat. Denn eines fällt sehr schnell auf: gebrauchte Kleidung ist zur Massenware geworden. Egal, ob in den großen Secondhand Ketten oder auch auf den Online Plattformen, wo Privatverkäufer ihre Kleidung anbieten. Ich selbst bin oft genug sehr überfordert, wenn ich in solchen großen Geschäften unterwegs bin oder auf Plattformen nach Kleidungsstücken suche.

Teilweise werden auf diesen Plattformen völlig ungenutzte Kleidungsstücke verkauft – Neu mit Etikett – und das in Massen. Das sind dann in der Regel leider keine fair produzierten Kleidungsstücke – sondern Fast Fashion Massenware. Wie nachhaltig ist es, sie auf diesem Weg zu kaufen? Natürlich bin ich dann nicht selbst in den Laden gegangen – aber wer kann mir schon sagen, was die Verkäuferin mit dem erhaltenen Geld macht? Investiert sie es am Ende wieder in neue Fast Fashion Teile?
Ich habe mich selbst schon sehr oft dabei erwischt, wie ich teilweise stundenlang am Handy saß und mich durch die vielen angebotenen Kleidungsstücke geklickt habe. Und Teile gekauft habe, die günstig waren, weil ich mir dachte: kostet ja nicht so viel, da kann man das mal ausprobieren. Ist das nachhaltig einkaufen?

Was verändert sich durch den Kauf gebrauchter Kleidung?

Ja, wenn ich gebraucht kaufe, spare ich zunächst Ressourcen – das steht völlig außer Frage. Doch zu meinen vorangegangenen Fragen muss ich noch eine weitere hinzufügen: Was kaufe ich ein?
Wenn ich, statt selbst zu H&M zu rennen, meinen Kleiderschrank mit gebraucht-neuwertigen H&M Kleidungsstücken fülle – sind das dann nachhaltige Käufe? Ändert das am Ende etwas am Fast Fashion System von immer mehr, immer billigerer Kleidung?
Leider ist die Antwort nein. Und genau wie bei so vielen anderen Sachen kann man nicht pauschal sagen „Secondhand ist nachhaltig“ – es kommt auf die Details an. Denn wenn so viele, teilweise ungetragenen Fast Fashion Teile auf Plattformen wie Kleiderkreisel zu kaufen sind – bedeutet das eben auch, dass in diesen Geschäften weiterhin fleißig eingekauft wird. Natürlich ist es immer noch besser, ein gebrauchtes Fast Fashion Teil zu kaufen, als ein Neues – das steht ja völlig außer Frage. Aber auch hier kann man sich vor dem Kauf die Frage stellen: kaufe ich das jetzt nur, weil es gerade günstig ist? Oder suche ich genau dieses Teil wirklich schon lange?

Man kann sich nicht grün konsumieren – auch nicht Secondhand

Denn wenn genauso weiter konsumiert wird, wie bisher – nur einfach Secondhand, verändert das leider überhaupt nichts. Gerade, wenn etwas günstig ist, wird man schneller dazu verleitet, es zu kaufen – ob man es nun wirklich braucht, oder nicht. Spontan- und Fehlkäufe sind die Folge – also am Ende wieder Sachen, die wir eigentlich gar nicht brauchen und wieder loswerden wollen.

Auch beim Secondhand-Einkauf müssen wir anfangen, genauer hinzuschauen – egal, ob im Geschäft oder auf den entsprechenden Plattformen.
Denn die Schlagwörter „nachhaltig“ und „gut für die Umwelt“ sind mittlerweile überall vertreten – und es lohnt sich, einmal genauer zu schauen, was man jeweils zu diesem Thema erfährt.
Ich meide mittlerweile die meisten großen Secondhand-Ketten – da ich zum einen immer total überfordert von dem Angebot bin, und ich eben von dem Vorgehen, woher die Ware in den meisten Fällen bezogen wird, nicht einverstanden bin (bzw. ich darüber einfach nicht genug erfahre).
Auch auf Plattformen wie Kleiderkreisel und Co. schaue ich nur noch ganz gezielt nach Kleidung, die nicht von Fast Fashion Firmen ist, sondern bspw. von Fair Fashion Marken oder nach Vintage Stücken.

Ein paar Tipps für den nächsten Secondhand Kauf

Egal, ob ihr bei Kleiderkreisel und Co., oder bei einer großen Secondhand Kette einkauft – kauft bewusst ein. Schaut euch genau an, aus welchem Material die Sachen und von welcher Marke sie sind. Fragt im Geschäft nach, woher die Kleidung bezogen wird – hier ist Transparenz ein ganz großes Stichwort. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man in kleinen lokalen Boutiquen deutlich transparentere und genauere Infos zu der Herkunft der Kleidung bekommt – und beispielsweise auch, wie sich die Preise zusammensetzen.
Secondhand kann eine deutlich nachhaltigere Option sein – wenn man auch hier nicht blind konsumiert, sondern sich mit Bedacht für langlebige Kleidungsstücke entscheidet.

Ich möchte natürlich niemandem das Secondhand Shopping madig machen – im Gegenteil! Ich finde es nur ganz einfach sehr wichtig, gerade auf Grund dieses Trends, einfach mal etwas genauer hinzuschauen und ein paar Fragen zu stellen. Denn das Schlagwort „nachhaltig“ ist schnell gesagt – es gehört an einigen Stellen aber einfach etwas mehr dazu.

Was sind eure Erfahrungen und Gedanken zu dem Thema? Ich freu mich, wenn ihr sie mit uns in den Kommentaren teilt!
Eure Julia

Quellen und weitere, interessante Artikel zu dem Thema:
https://www.greenpeace.de/sites/www.greenpeace.de/files/publications/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf
https://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/second-hand-kleidung-shoppen-mit-guten-gewissen/19947756.html
https://www.deutschlandfunk.de/klimakiller-secondhand-klamotten.680.de.html?dram:article_id=37040
https://www.fr.de/rhein-main/darmstadt/tommy-hilfiger-per42295/kette-bietet-secondhand-mode-11072450.html#:~:text=Doch%20auch%20schon%20jetzt%20kann,Darmstadt%20nicht%20%C3%BCber%20Kundenmangel%20beschweren.&text=In%20Darmstadt%20gebe%20es%20bisher,9000%20gibt%20es%20davon%20deutschlandweit.
https://www.stern.de/neon/feierabend/style/secondhand-mode-zum-kilopreis–vinokilo-will-secondhandmode-hip-machen-8658270.html
http://www.humana-second-hand.de/mode/downloads/HUMANA-Nachhaltigkeitsbericht.pdf
https://www.dw.com/de/ostafrika-k%C3%A4mpft-weiter-gegen-second-hand-kleidung/a-42744807
https://loveco-shop.de/magazin/warum-man-mit-second-hand-kleidung-die-welt-noch-nicht-retten-kann/

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