Warum sich jeder Fair Fashion leisten kann – und sollte

*Dieser Beitrag enthält PR Sample und damit unbezahlte, unbeauftragte Werbung.

Ich war in der letzten Woche auf der neonyt in Berlin unterwegs – die ‚grüne‘ Fashion Week sozusagen und habe nicht nur wahnsinnig tolle und inspirierende Blogger-Kolleginnen getroffen, sondern auch sehr viel Input zum nachdenken, grübeln und verarbeiten wieder mit nach Mainz genommen. Das war auch meine erste Fashion Week und ich bin zwar gespannt, aber auch recht frei von Erwartungen dort hin gefahren – ich habe es einfach auf mich zukommen lassen. Und was soll ich sagen? Ich hatte zwei unfassbar schöne, ehrlicherweise auch ziemlich anstrengende und kurze Tage in Berlin, die allerdings definitiv direkt ein Highlight zu Beginn des Jahres für mich waren.
Und wer sich jetzt einen Haufen klischeehafter ‚Modemenschen‘ vorstellt, die ganz klischeehafte Modesachen machen, der hat extrem falsch gedacht. Neben Fashion Shows und einer großen Messe, auf der sich Labels aus dem Bereich Fair Fashion präsentiert haben, gab es zudem ein spannendes Rahmenprogramm, bestehend aus Gesprächsrunden, Diskussionen, kurzen Filmvorführungen und ganz generell einem spannenden Austausch rund um das Thema nachhaltige Mode. Fragen wie: ist Nachhaltigkeit Luxus? Ist es ein Luxus, sich über Produktionsbedingungen Gedanken zu machen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und fair produzierte Kleidung zu kaufen? Wer sich gemeinsam mit mir in dieser herrlich schönen, grünen Blogger Blase befindet, der wird sofort denken: Nein! Das ist kein Luxus! Es sollte mehr als selbstverständlich sein, einem selbst, der Umwelt und den Produzenten zu liebe, nur noch fair produzierte Kleidung zu kaufen. Ich bin da ganz in dieser Blase und kann dem nur zustimmt. Aber: nicht jeder umgibt sich täglich mit diesen doch grausamen Fakten, die immer im Raum mitschwingen, wenn man sich mit dem Thema Mode auseinandersetzt.

Fast Fashion – mal etwas außerhalb der grünen Blase betrachtet
Eigentlich ist diese Fast Fashion Industrie ja extrem kundenfreundlich: selbst mit kleinem Budget kann ich immer top gestylt, immer mit den neusten Trends und dem letzten Schrei der Fashion Week gekleidet durchs Leben laufen. Man kann sich mit lauter schönen Dingen umgeben, andauernd neu einkleiden, einen ganzen Schrank voll nichts zum Anziehen haben. Dank Sales, Schnäppchen, Black Friday Angeboten und Rabatt-Codes steht ausgiebigen Shopping Samstagen (ob in der Innenstadt oder gemütlich von zu Hause aus) nichts mehr im Wege – wir wollen unser hart verdientes Geld gerne für Kleidung ausgeben, aber doch bitte nur einen kleinen Teil davon für eine möglichst volle Einkaufstasche. Denn dank Fast Fashion und billiger Wegwerf-Mode ist es heute wahnsinnig einfach, sich die neusten Trends direkt nach Hause zu holen. Für nicht mal 100€, je nachdem wo man einkaufen geht, ist es möglich, sich von Kopf bis Fuß komplett neu einzukleiden – der Wahnsinn, oder? (hallo Sarkasmus!)

Und wenn das ein oder andere Teil dann in der nächsten Saison nicht mehr Trend ist oder nicht mehr gefällt, kann man es einfach entsorgen, ohne große Verluste gemacht zu haben um direkt erneut drauf los zu shoppen. Besonders bei jungen Leuten ist diese Art des Konsums sehr beliebt – wer sich von seinem Taschengeld neu einkleiden will, der versucht natürlich, für möglichst wenig Geld möglichst viele Klamotten (oder auch andere Konsumgüter) einzukaufen. Dies ist zwar nicht die beste Ausrede, aber eine, die ich noch eher nachvollziehen kann. Was ist allerdings, wenn man erwachsen ist, seine eigenes Geld verdient, eigene Entscheidungen trifft und in gewisser Weise auch eine Vorbildfunktion (ob nun als Elternteil, Verwandter, Person des öffentlichen Lebens …) hat – wie sieht es dann aus? Welche Ausrede kann man dann für den Kauf von billiger Kleidung hervorbringen?
Denn, wer hätte das gedacht, billige Mode hat seinen Preis. Einen Preis, den nicht wir als Konsumenten tragen, sondern den die Näherinnen und Näher und nicht zuletzt die Umwelt. In diesem Video sind die Fakten und Zahlen noch einmal sehr gut zusammen gefasst:

Doch das alles ist wahnsinnig weit weg. Man möchte sich mit all dem nicht beschäftigen, denn das ganze wirft doch einen eher dunklen Schatten auf das schöne Hobby von Mode, Shoppen und Co. Schön soll das Ganze doch sein, oder? Denn Mode ist schon lange über seine reine Zweckmäßigkeit des Be-Kleidens hinausgewachsen. Mode soll uns nicht nur kleiden sondern auch zeigen, wer wir sind. Welcher Gruppe von Leuten wir uns zugehörig fühlen, wie wir leben, Mode kann ausdrücken ob wir besonders reich sind oder welche Werte uns wichtig sind. Wir erleben nahezu wöchentlich neue Trends, gepusht und an den Mann gebracht (nicht nur) durch Social Media kann es manchmal echt schwer sein, dem zu widerstehen und sich mit dem zufrieden zu geben, was man bereits besitzt. Diese Schnelllebigkeit ist eines der markantesten Merkmale der Fast Fashion Industrie: Wer sich den Kauf eines neuen Kleidungsstücks noch mal länger durch den Kopf gehen lassen möchte, findet nur wenige Wochen später eben dieses Kleidungsstück vermutlich nicht mehr im Laden.

Die Sache mit Primark
Wenn du dich täglich mit den bereits angesprochenen unschönen, harten Fakten der Modeindustrie auseinandersetzt, nur Fair Fashion Blogger bei Instagram abonniert hast, dich herrlich weich in deiner Green Blogger Blase wiegst und dich immerzu an tollen, konstruktiven und kritischen Beiträgen labst, fällst du verdammt tief und kommst mit einem schmerzenden Schädel auf dem Boden der Tatsachen wieder an, wenn da plötzlich Primark mit einer neuen Werbe Kampagne vor der Tür steht. Ja, Primark. Eben jenes Unternehmen, welches wie kein zweites für die heutige Wegwerf-Modeindustrie steht, wo T-Shirts weniger als ein Brot beim Bäcker kosten und die Luft schrecklich nach Chemie stinkt. Woher ich letzteres weiß? Ich war natürlich schon mal in einem Primark, habe dort eingekauft und mich über diese wahnsinnigen Schnäppchen gefreut. Das ist allerdings zum Glück wahnsinnig lange her und mein persönlicher Hype um diesen Laden währte nicht lange. Aber zurück zur neusten Primark Werbekampagne. Eine von Primarks Sparmaßnahmen war seit Jahren quasi ohne ein Marketing Budget auszukommen – wer sich nach Plakatwerbung, Bannern oder TV Spots umgeschaut hat, der konnte lange suchen. Doch jetzt das: unter den Hashtags #iworkwithprimark und #primarkbloggercollective finden sich nun Blogger und Influencer zusammen, die für Primark, ihre Mode und damit für Fast Fashion Werbung machen. Als ich davon erfahren habe, war ich einfach nur schockiert. Wie kann man ernsthaft für so ein Unternehmen Werbung machen? Für 8,99€ Jeans und miserabelste Produktionsbedingungen? Mich hat diese Werbekampagne doch ziemlich beschäftigt, was vielleicht auch damit zusammenhängt, dass ich weiß, wie so eine Kooperation generell abläuft und ich mir krampfhaft versucht habe vorzustellen, wie es möglich sein kann, bei so einer Anfrage zuzustimmen.
Wie kann man es als eine Person, die in der Öffentlichkeit steht (was Blogger und Influencer ja nun mal gewissermaßen tun) verantworten und mit seinem Gewissen vereinbaren, Werbung für diese Art von Konsum zu machen? Diese Fragen sind eher rhetorischer Natur und ich befürchte, sie werden auch nie beantwortet werden. Vielleicht liegt es auch an den noch recht frischen Erinnerungen an die Fashion Week, diese positiven und bestärkenden Gefühle, die ich mit nach Hause genommen habe, dass mir diese Werbekampagne so sauer aufstößt. So viel ist klar: gemeinsam mit vielen anderen, tollen nachhaltigen Bloggern kann ich nur immer wieder betonen: #iwouldneverworkwithprimark.
Und dann die Sache mit dem Preis
Um Fair Fashion kreisen viele Halbwahrheiten – gerne werden diese genutzt, um das Thema von sich wegzuschieben, als Ausrede für die Wahl von Fast Fashion, als weiterer Grund, sich nicht näher damit zu beschäftigen.
Wie oft ich schon gelesen habe, dass Fair Fashion teurer ist als konventionelle Mode, kann ich mittlerweile nicht mehr sagen. Genauer gesagt: Dass faire Mode zu teuer ist, dass sich das niemand leisten kann. Und natürlich, das braucht man auch gar nicht versuchen zu leugnen, für Fair Fashion muss man mehr Geld bezahlen als für Fast Fashion Teile. Ein Beispiel: Ein klassisches, einfaches weißes T-Shirt kostet bei H&M 4,99€. Bei green shirts kostet ein fair produziertes Biobaumwoll-T-Shirt 19,90€. Der Unterschied ist enorm, das erkennt man direkt, auch ohne groß nachrechnen zu müssen. Dieser schreckt im ersten Augenblick vielleicht ab, man könnte schließlich für den Preis des fair produzierten bei H&M gleich vier T-Shirts kaufen können! Und – keine Frage – so habe ich früher auch gedacht. Aber sind knapp 20 Euro für ein T-Shirt wirklich zu teuer? Meiner Meinung nach nicht. Denn, wenn ein T-Shirt nur etwas mehr als ein fancy Latte Macchiato mit Flavour und Toppings bei einer beliebten Kaffee-Kette bei mir ums Eck kostet – wie hoch wird da der Lohn sein, den die Näherin für dieses T-Shirt bekommen hat?
Das Problem mit dem Preis von fair produzierter Mode ist glaub ich genau der Punkt: dass man immer den direkten Vergleich zur billigen konventionellen Mode hat. Wer es gewohnt ist, für 20€ gleich vier Oberteile zu kaufen, dem wird seine Tasche nach dem Shoppen von Fair Fashion Oberteilen wahnsinnig leer vorkommen. Doch: wer Fair Fashion kauft, der bezahlt zwar mehr, der stellt aber auch sicher, dass niemand für die Herstellung leiden musste, dass die Näherinnen von ihrem Gehalt leben können. Fair Fashion ist nicht zu teuer – Fast Fashion ist einfach schlicht und ergreifend zu billig.
Eine Anmerkung möchte ich an dieser Stelle noch machen: Fast Fashion ist nicht auf ein Preisschild zu reduzieren. Auch teure Marken oder sogar Designer können zur Fast Fashion Industrie gehören – und teilweise im selben Gebäude wie Primark, H&M und Co. produziert werden. Nur weil eine Hose 200€ kostet heißt das noch lange nicht, dass sie fair produziert ist. Denn es kommt auf die Produktions- und Herstellungsbedingungen an, auf die Herkunft und Art der Materialien und die Transparenz des Unternehmens.
Mode ist zwar schon lange keine rein zweckmäßige Anschaffung mehr, sie sollte allerdings auch über das bloß zur Schau stellen aktueller Trends hinausgehen. Denn Mode ist nicht zuletzt auch eine politische Entscheidung – mit jedem Kauf den ich tätige, jedem Kassenzettel den ich entgegennehme, gebe ich meine Stimme ab: welche Form von Mode, von Produktionsbedingungen will ich unterstützen? Niemand muss perfekt von heute auf morgen den nachhaltigen Vorzeigekleiderschrank besitzen; auch ich habe nicht nur fair Fashion Teile bei mir hängen. Einen großen Schritt tut man schon, indem man vor dem nächsten Kauf länger nachdenkt, bereits vorhandene Kleidungsstücke aufträgt, umändert und neu arrangiert, ehe man Neu kauft. Oder indem man Secondhand auf die Suche geht. Sich seinen eigenen Stil bewusst macht, um nahende Fehlkäufe zu vermeiden – zwischen all den neuen Trends, der Schnelllebigkeit und kurzweiligkwit kann es schon mal echt schwierig sein, herauszufinden was man eigentlich wirklich gerne trägt – also so wirklich, ganz ohne Einfluss der Werbung.
Einen entscheidenden Punkt übersehen glaube ich viele Leute, die sich das erste Mal mit Fair Fashion auseinandersetzen und von dem höheren Preis abgeschreckt sind: wer faire Mode kauft, dem geht es (in der Regel) nicht darum, monatlich groß in der Innenstadt shoppen zu gehen, einen überquillenden Kleiderschrank voller Sachen zu besitzen, an denen am besten sogar noch das Preisschild hängt. Wer sich mit fairer Mode auseinandersetzt, der kauft bewusster und weniger. Nicht umsonst heißt diese Bewegung auch Slow Fashion. Es geht um Wertschätzung und um Lieblingsteile im Kleiderschrank. Natürlich habe auch ich nicht das Geld um mir jeden Monat für 80€ einen neuen Pullover zu kaufen – das möchte ich auch gar nicht. Meine Einstellung zum Konsum hat sich mit der fairen Mode komplett gewandelt und ich gebe lieber mehr Geld für weniger Teile, aber dafür für hochwertige, langlebige, umweltfreundliche und faire Kleidung aus. Keine Ahnung, wie weit ich mich mit dieser These aus dem Fenster lehne – aber ich würde mal behaupten, dass es den meisten so geht, die nur noch fair produzierte Kleidung kaufen. Und somit kann sich wirklich jeder Fair Fashion leisten – denn anstatt kurzlebigen Trends hinterher zu jagen und sich den Kleiderschrank monatlich voller Sale Schnäppchen zu stopfen, sollte es um einen achtsamen und bewussten Konsum gehen, um weniger aber dafür fair, um lieber zwei mal nachdenken als blind und auf Teufel komm raus. Werdet kreativ, leiht, tauscht, kauft gebraucht – auch das fällt für mich unter faire Mode.
Denn so kann sich wirklich, absolut wirklich jeder Fair Fashion leisten – und das ist letztendlich nicht nur besser für uns, sondern auch für die Näherinnen und für alle die an der der Produktion der Kleidung beteiligt sind, für das Klima und für die Umwelt.

*ein kleiner Hinweis zum Titel. Natürlich ist mir bewusst, dass es Menschen gibt, die beispielsweise auf Sozialhilfe angewiesen sind, arbeitslos oder sogar obdachlos sind oder andere Probleme haben, die auch mit finanziellen Problemen zusammenhängen. Mit jeder meine ich uns, die, die sich mit Mode beschäftigen, die gerade Zeit haben, das hier zu lesen und sich vielleicht gemeinsam mit mir in einer grünen Instagram-Blase befinden oder gerade erst mit dem Thema faire Mode auseinandersetzen. Ich denke, ihr wisst was ich meine. Ich möchte niemandem auf die Füße treten oder mit dem Titel verletzen!

Wie steht ihr zu dem Thema? Kauft ihr faire Mode, beschäftigt ihr euch mit der Frage, wo eure Kleidung her kommt? Ich freue mich über eure Kommentare!
Eure Julia

3 Kommentare zu „Warum sich jeder Fair Fashion leisten kann – und sollte

  1. Das ist so ein wichtiger Beitrag!
    Ich bin ja immer ein bisschen irritiert, wenn Leute behaupten, sie können sich keine faire Mode leisten, dabei ist es so leicht, einfach nur secondhand zu kaufen. Das ist oft ja sogar günstiger, als H&M und Co., man bekommt die gleichen Klamotten, die man sonst bei H&M neu gekauft hätte und sorgt dafür, dass diese nicht in der Tonne landen. Einfacher geht es ja kaum 🙂

    Liebe Grüße!
    Carla

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    1. Liebe Carla,
      danke für deine lieben Worte! Es freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefällt. Ja, das finde ich manchmal auch wirklich kritisch – oft kommt sowas dann von Leuten, die sich natürlich trotzdem das für 120€ das neue Paar Sneaker mit den drei Streifen drauf kaufen …
      Und ja, eigentlich geht es genau darum! Hoffentlich verstehen das bald noch viel mehr Menschen.
      Ganz liebe Grüße,
      Julia

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  2. Ich stimme Carla zu, dein Beitrag ist äußerst wichtig. Allerdings hat mich ein Argument besonders betroffen gemacht: Shopping hat mittlerweile in unserer Gesellschaft „Hobbystatus“ erreicht. Oberflächlicher geht es kaum noch, oder?
    Ich finde es sehr wichtig auch hier einen Ansatz für Verbesserungen zu suchen, denn Oberflächlichkeit ist für mich quasi das Gegenteil von Nachhaltigkeit.
    Danke für deine mutigen Ausführungen.

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