Wir müssen aufhören, uns andauernd Ausreden einfallen zu lassen.

Ich würde von mir behaupten, dass ich ein netter Mensch bin. Ich bin höflich und freundlich und möchte niemandem auf die Füße treten oder gar verletzen. Deshalb wäge ich in vielen Situationen oft ganz genau ab, was ich sage und wie ich es formuliere. Aber ich habe auch Werte und Prinzipien die mir wichtig sind. Und dann gibt es manchmal Situationen, in denen man einfach nicht nett und höflich sein kann, sondern einfach mal über so etwas hinweg sehen muss, um genau diese Werte und Prinzipien zu vertreten und sich dafür stark zu machen – auch wenn die Möglichkeit besteht, dass man damit jemandem auf den Schlips tritt und man vielleicht nicht everybodys darling ist.
Diese Worte brodeln seit einiger Zeit in mir und ich muss sie nun endlich loswerden. Grund dafür ist eine Feier, auf die ich vor kurzem eingeladen war. Beziehungsweise, um das Ganze zu präzisieren: die Tatsache, dass ca. 50 mit Helium gefüllte Luftballons in die Luft losgelassen wurden, als eine Art Auftakt dieser Feier.

Eigentlich ein schönes Bild: Jeder bekommt einen Ballon in die Hand gedrückt, es wird von drei runtergezählt, auf eins lassen alle gemeinsam die Luftballons los und sehen ihnen nach, wie sie am Himmel immer kleiner und kleiner werden. Wunderbar festlich, tolle Schnappschüsse für Instagram. Für mich hatte das allerdings überhaupt nichts festliches, ich wollte, guess what, nämlich keinen Luftballon. Ich wollte diese Umweltsünde nicht in die Luft steigen lassen, die es ja nun mal ist. 50 nicht biologisch abbaubare grell bunte Luftballons, die noch wesentlich länger als ich auf diesem Planeten verweilen, wenn sie nicht aus Versehen von einem Tier mit Nahrung verwechselt werden. Es lief mir eiskalt den Rücken runter, der Gedanken an diese Verschmutzung machte mich ganz wahnsinnig. Ich stand also da und wusste nicht was ich machen sollte. Ich wollte auf gar keinen Fall so einen Luftballon haben. Doch die für diese Aktion verantwortliche Person war da anscheinend anderer Meinung und akzeptierte mein Nein nicht. Ich wollte an so einem Tag wirklich keine Grundsatzdiskussion anfangen, wollte keine schlechte Stimmung verbreiten, schließlich war ich als Gast geladen, kannte zudem kaum jemanden und wollte nicht unhöflich sein. Doch als mein Nein nicht akzeptiert, mir dieser Ballon immer weiter vors Gesicht gehalten wurde, entrutschte mir doch ein „Aber das ist so viel Müll!“ Die Antwort darauf war für mich ein absoluter Schock, der mir den ganzen Abend lang nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte:

‚Das ist jetzt egal, heute wird gefeiert, heute können wir nicht an den Umweltschutz denken. Ansonsten immer, aber heute geht das halt mal nicht.‘

Das saß. Und zwar richtig. Diese Antwort hat mich so wütend gemacht, ich habe mich gefühlt, als hätte man mir direkt ins Gesicht geschlagen. Ich kam mir nämlich plötzlich vor wie der letzte Idiot weil mir die Umwelt wichtig war, und, herrje wie konnte ich nur! ich den Schutz dieser über das Zelebrieren einer Feier gestellt habe! Ich hoffe der Sarkasmus meiner Worte wird spätestens an dieser Stelle deutlich. Warum ist es an festlichen, besonderen Anlässen legitim die Umwelt zu verschmutzen? Warum macht man an solchen Tagen eine Ausnahme? Täglich werden vermutlich auf der ganzen Welt verteilt irgendwo irgendwelche Feste gefeiert – und da ist es okay, dass wir ‚mal‘ eine Ausnahme machen und uns, ganz ausnahmsweise!, die Natur heute total egal ist?
Ich finde das ist eine billige Ausrede. Eine billige, bequeme Ausrede weil es viel einfacher ist, bereits an vorhandenen ‚Traditionen‘ anzuknüpfen, weil es nett aussieht 50 Luftballons steigen zu lassen, anstatt sich etwas anderes zu überlegen. Und weil es bequem ist, immer erst an sich zu denken. Die Luftballons sind ja irgendwann weg, verschwinden am Horizont und den Müll, den sie verursachen, sehen die Leute, die diese Aktion initiiert haben, ja eh am Ende nicht. Aus den Augen aus dem Sinn. Und deshalb bin ich froh dass ich, wenn auch nur leise, meinen Mund aufgemacht habe. Es kann nicht sein, dass wir auf Kosten der Natur Partys schmeißen, für ein paar nette Aufnahmen die Umwelt verschmutzen und am Ende Tiere und die Natur gefährden. Umso wichtiger ist es, dass bei sowas immer der Mund aufgemacht wird – und zwar lauter als ich es getan habe.

Denn nicht nur an solchen Tagen, nicht nur bei privaten Festen finden diese ‚Ausnahmen‘ statt: Volks- und Stadtfeste, oder auch die in Mainz herzgeliebte Fastnacht – all solche Veranstaltungen verursachen einen unfassbaren Haufen Müll. Für Kinder werden Luftballons verteilt, Süßigkeiten und Snacks in kleinen Plastiktüten werden verteilt, Einwegbecher, Konfetti, Plastikflaschen. Müll bis zum Abwinken der zum Teil noch lange nach der Veranstaltung die Straßen ziert. Wenn man in Mainz kurz nach dem Fastnachtsumzug durch die Straßen läuft ist es unmöglich auch nur einen Schritt zu tun ohne auf leere Becher, Konfetti und anderen Dekorationsmüll zu treten. Es sieht wirklich aus wie auf einem Schlachtfeld – kunterbunt und leuchtend, aber definitiv ein Schlachtfeld. Ich möchte damit nicht sagen, dass irgendwer auf seine Feiern und Feste verzichten soll; ich selbst geh auch gerne auf das Stadtfest hier, fliehe zwar Jahr für Jahr vor der Fastnacht, aber will sie niemandem madig machen. Aber: ist es nicht möglich, Alternativen zu schaffen? Muss man Plastikkonfetti von den Wagen werfen? Wann begreifen die Leute, dass 50 Luftballons die gen Himmel fliegen und, richtig geraten, irgendwann auch wieder runter kommen, keine kleine Ausnahme und schon gar kein festliches Symbol sind?
Ich weiß nicht, was noch passieren muss, damit bei den Leuten ankommt, dass diese Themen nicht nur von irgendwelchen Ökos vorangebracht werden müssen, dass es nur die „großen“ Umweltsünder wie die USA oder China sind, die endlich handeln müssen, sondern dass auch wir, direkt vor unserer Haustür endlich Taten sprechen lassen müssen. Auf die anderen zu zeigen ist leicht, die Verantwortung auf die, die ja so viel mehr Müll verursachen als wir hier im kleinen Deutschland, zu schieben ist noch viel leichter. Aber wir müssen uns zu allererst an die eigene Nase fassen und zusehen, dass wir hier die Dinge gebacken kriegen, bevor wir groß über andere meckern. Denn wusstet ihr, dass z.B. in Deutschland die Recyclingquote von Einwegplastikflaschen, ihr wisst schon, die, die uns so gerne als gar nicht so schlimm und als recyclebar und rückführbar in den Kreislauf verkauft werden, bei gerade einmal 15% liegt? 15%, für ein Land, dass sich den Titel Recycling-Weltmeister auf die Stirn schreibt. Nicht gerade titelverdächtig meiner Meinung nach. Wie ihr seht, es gibt unfassbar viele Baustellen, Plastikdekorationsartikel und Einwegplastikflaschen sind nur ein kleiner Teil davon. Und es geht mir natürlich nicht darum, dass jeder jetzt von heute auf morgen Zero Waste lebt, keinen Plastikmüll mehr produziert und nur noch Bio Produkte kauft. Gönn dir eine Tüte Chips, wenn du Lust drauf hast, das mache ich auch manchmal. Sowas sollte allerdings nicht die Regel, sondern die Ausnahme sein. Ein bewusster Konsum, das fehlt so oft an so mancher Stelle. Ein Bewusstsein dafüAber: jeder einzelne kann etwas bewirken, kann seine Stimme und seine Macht als Verbraucher, als Konsument, als jemand mit Einfluss nutzen und laut werden. Egal, ob mit einer bewussten Kaufentscheidung im Supermarkt (oder der bewussten Entscheidung etwas nicht zu kaufen) oder ob ihr den Mund aufmacht wenn ihr etwas seht, was so definitiv falsch ist.
Ihr seid im Fastnachtskomitee und plant den nächsten Fastnachtsumzug? Sprecht euch für Veränderungen aus. Ihr plant die Hochzeitsfeier eurer besten Freundin? Sucht nach alternativen Programmpunkten – wie wäre es mit einer Box, in der man Glückwünsche sammeln kann und das Brautpaar diese erst zu ihrem ersten Hochzeitstag öffnen darf? In eurem Lieblingscafé wird jede Limo mit einem Strohhalm serviert? Sprecht die Mitarbeiter darauf an, Strohhalme z.B. nur noch auf Bestellung in Getränke zu tun. Ihr seht jemanden der achtlos Müll in die Natur wirft anstatt den Mülleimer zu verwenden? Sprecht diese Person an. Natürlich ist es nicht immer leicht und manchmal auch etwas unangenehm, solche Themen anzusprechen, jemanden mit so etwas zu konfrontieren. Aber: es ist verdammt wichtig. Ansonsten finden die Leute immer weiter Ausreden: hey, es ist doch nur diese eine Feier und was machen schon die paar Luftballons? Sprecht die Leute drauf an! Vielleicht sind es nicht immer Ausreden, ich glaube ja, auch wenn dieser Artikel vielleicht einen anderen Eindruck macht, eigentlich an das Gute im Menschen. Vielleicht ist es nur Unwissenheit, vielleicht wurde die Aktion nicht zu Ende gedacht. Macht so etwas zum Thema, ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es manchmal nötig ist, dafür über den eigenen Schatten zu springen. Aber: wir haben gar keine andere Wahl. Wir müssen weg von dem Gedanken, dass es reicht, ein paar nette Fotos von Edelstahltrinkflaschen und Einmachgläsern auf Instagram hochzuladen und daraufhin zu hoffen, dass jetzt alles besser wird. Natürlich ist dieser Part, meiner Meinung nach, auch wichtig, so erreicht und inspiriert man viele Leute, kann Infos und Tipps teilen – es ist aber nur ein Teil von dem was getan werden muss, es ist die Möglichkeit zum Verbreiten einer wichtigen Message. Doch das reicht nicht, denn wir müssen raus gehen, raus auf die Straßen, in die echte Welt. Denn genau dort muss gehandelt werden. Denn wir können es uns schlicht und ergreifend nicht leisten, es nicht zu tun.

Was sind eure Erfahrungen mit diesem Thema? Ich freue mich über eure Kommentare!
Eure Julia