Minimalismus und Wertschätzung

Als ich das erste Mal den Begriff Minimalismus gehört habe, konnte ich nur wenig damit anfangen. Die ersten Recherchen im Internet waren für mich eher unbefriedigend – das sah doch alles sehr nach Lebenseinschränkung und kahlen, lieblosen Wohnungen aus. Die ersten Bilder die mir angezeigt wurden, wirkten mit ihrer sehr reduzierten Einrichtung nicht sonderlich ansprechend. Mir gefiel dieses puristische, sich aufs Nötigste beschränken nicht. Nur ein Stuhl am Tisch, kaum Deko, keine Bilder an den Wänden und alles in weiß oder grau – Gemütlichkeit war das für mich definitiv nicht. Dementsprechend schnell habe ich die Beschäftigung mit dieser Thematik eingestellt und meine Wohnung weiter fröhlich mit Kleinkram zugestellt.
Der eigentliche Auslöser, mich erneut mit dem Thema Minimalismus auseinanderzusetzen war tatsächlich das liebe Geld. Denn vor ca. 1 1/2 Jahren habe ich eine eher unerfeuliche Entdeckung gemacht: irgendwie war am Monatsende immer häufiger Ebbe auf meinem Bankkonto vorzufinden. Also blieb mir, um die nächsten Monate nicht schon wieder auf dem Trockenen zu sitzen, nichts anderes übrig, als mich mit meinen Ausgaben auseinanderzusetzen. Sehr unangenehm für jemanden, der immer fröhlich sein Geld ohne wirklich darüber nachzudenken ausgegeben hat. Es wurde recht schnell deutlich, was mein eigentliches Problem war: Ich habe ziemlich sinnlos mein Geld für Deko, Klamotten, Haushaltsgeräte und vor allem Kleinkram und Nippes ausgegeben. Meine Wohnung war vollgestellt mir Kram, mein Bankkonto leer und ich war alles andere als glücklich. Mir fällt tatsächlich kein besseres Wort als Kram für all die großen und kleinen Staubfänger in meiner Wohnung ein. Nach der Analyse meiner Ausgaben blickte ich mich um und konnte nicht fassen, wie ich in der kurzen Zeit nur so viele Sachen ansammeln konnte. Ich hatte alles, was ich brauchte; und von allem doppelt und dreifach zu viel. Die Sachen waren schön, zum Teil Einzelstücke vom Flohmarkt oder aus Gebrauchtmöbelhäusern – aber trotzdem war das alles einfach zu viel. Vor allem wenn man bedenkt, wie viel Geld ich sinnlos dafür ausgegeben habe ohne die Dinge wirklich zu brauchen. DSC_0034

Der darauf folgende Gedanke war: So kann es nicht weitergehen. Die Anschaffung von Kleinkram habe ich direkt eingestellt und mich erst mal dem Problem in meinen vier Wänden gewidmet: All das ungenutzte Zeug wollte ich loswerden, mich von dem Ballast befreien und den Dingen, die ich gerne besitze, endlich wieder richtig Raum geben.
Also bin ich zuerst recht wahllos und ohne richtiges System vorgegangen und habe alles, was mir unter die Finger kam und mich irgendwie gestört hat, erst mal in den Keller gestellt. Doch recht schnell merkte ich, dass ich immer wieder von vorne anfing, dass ich mich im Kreis drehte und gar nicht zum Ende kam. Ein und dieselbe Schublade habe ich mir teilweise mehrmals vorgenommen und immer wieder was Neues gefunden, wovon ich mich trennen wollte. Also habe ich mich erneut an den Laptop gesetzt und zu dem Thema recherchiert. Diesmal durchaus begeisterter und mit mehr Erfolg.  Ich suchte nach einer Methode, um diesem Kreislauf, dem immer wieder von vorne anfangen zu entkommen. Jeder, der sich mit diesem Thema auseinandersetzt und seine eigene Wohnung anfängt, kritisch zu betrachten, merkt früher oder später, welche Methode die Richtige ist: ob frei Schnauze, nach der KonMari Methode von Marie Kondo oder doch ganz anders: ich glaube, es ist Typsache, wie das Aussortieren am besten funktioniert. Mir hat die KonMari Methode die Augen geöffnet und gezeigt, dass ich zwar schöne Dinge besessen habe, doch diese haben mich größtenteils nicht glücklich gemacht. Im Gegenteil: Dadurch, dass die ungenutzt rumstanden und nur eingestaubt sind, hatte ich oft genug ein schlechtes Gewissen. Mittlerweile ist der größte Teil dessen verkauft, verschenkt oder gespendet, doch einmal angefangen ist der Blick fürs ‚Überflüssige‘ geschärft und es wird dauernd irgendwas aus den Regalen und Schubladen gezogen und in die Ecke mit den aussortierten Gegenständen gelegt. Und das ist auch vollkommen okay, denn ich habe das Gefühl, dass dieser Prozess auch einfach etwas mehr Zeit benötigt. Aber ich habe weniger das Bedürfnis immer wieder ‚von vorne‘ anzufangen, sondern mir ganz gezielt bestimmte Teile der Wohnung vorzunehmen.
Doch neben dem ‚wie‘ und ‚wohin‘ (dem ich jeweils einen eigenen Beitrag widmen werde) finde ich es viel wichtiger, was Minimalismus eigentlich wirklich bedeutet und was es verändern kann. Es geht meiner Meinung nach nicht um irgendwelche Zahlen, dass man bloß nicht mehr als fünf Tshirts im Kleiderschrank und nur drei Tassen in der Küche hat. Es geht auch nicht darum, auf einer Couch ohne Kissen zu sitzen und eine leere, weiße Wand anzustarren, nur einen Küchenstuhl zu besitzen und ohne Deko auf dem Küchentisch seinen Kaffee zu trinken. Das ist jetzt natürlich etwas übertrieben dargestellt, und es gibt bestimmt Menschen die mit sehr wenig leben und damit glücklich sind. Das finde ich auch ganz wunderbar, doch habe ich festgestellt, dass diese Art von Minimalismus mich nie glücklich machen würde. Ich möchte mich nicht schlecht fühlen, wenn doch mal ein neuer Pullover in meinen Kleiderschrank wandert. Deshalb geht es mir nicht um die Nummerierung und bloße Reduzierung von Dingen. Sondern es geht um Wertschätzung. Um die Wertschätzung der Dinge, die man besitzt und mit denen man sich täglich umgibt. Dass man sich nur noch mit schönen Dingen umgibt, mit Möbeln und Dekoartikeln, die einen wirklich glücklich machen. Dass in meiner Wohnung nichts mehr steht, was mich eigentlich unglücklich macht, weil es nie genutzt wird oder weil es mir eigentlich gar nicht so richtig gefällt.
Damit geht Hand in Hand die Tatsache, dass ich Neuanschaffungen, Dinge, die sich zu diesen tollen Sachen gesellen sollen, viel genauer überdenke. Ist diese Lampe aus dem Möbelkaufhaus das Geld wirklich wert? Brauche ich sie und bin ich nicht viel glücklicher mit der, die ich bereits besitze?
Die Zahl der Neuanschaffungen (wobei ‚Neu’anschaffungen bei mir in der Regel Gebrauchtes meint) ist in den letzten 1 1/2 Jahren bei mir deutlich gesunken – ich habe mir viel genauer überlegt, ob ich etwas wirklich haben möchte und habe kaum noch Spontankäufe getätigt. Natürlich sind immer noch neue Dinge bei mir eingezogen – aber dieses Mal nicht mit dem Kopf durch die Wand, sondern mit Bedacht und vorausgegangenen Überlegungen. Das sorgt nicht nur dafür, dass die Neuanschaffungen übersichtlich bleiben, sondern auch für Entspannung auf dem Bankkonto. Dabei hilft es ungemein, sich eine Art ‚Wunschliste‘ zu schreiben. Da notiere ich mir alle Dinge, die ich gerne hätte – meist aus dem spontanen Wunsch heraus aufgeschrieben, wenn ich etwas auf Instagram und Co. entdeckt habe. Doch in der Regel bleiben diese spontan formulierten Wünsche nicht auf der Liste. Dann streiche ich sie einfach durch und bin froh, diesem Einfall nicht direkt nachgegangen zu sein. Übrig bleiben nur die Dinge, die ich wirklich gerne hätte und für die es sich lohnt, etwas länger zu warten und evtl. zu sparen. Dann ist die Freude, wenn man sich dieses eine Teil am Ende kauft, auch viel größer.

Wie steht ihr zu dem Thema Minimalismus? Versucht ihr auch, euren Haushalt zu reduzieren?
Eure Julia

Ein Kommentar zu „Minimalismus und Wertschätzung

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