Vom erhobenen Zeigefinger und dem richtigen Tonfall

Wenn ich mir für etwas begeistere, dann rede ich darüber. Dann rede ich viel darüber. Ich neige ehrlich gesagt sogar dazu, nahezu ausschließlich darüber zu reden. Das kann für meine Mitmenschen schon manchmal ziemlich nervig werden und ich muss mich an der einen oder anderen Stelle dann zügeln, um den Geduldsfaden meines Gesprächspartners nicht noch weiter zu strapazieren. Doch ich glaube, dass es nicht nur mir so geht, und vor allem glaube ich nicht, dass es grundlegend etwas schlechtes ist, ein Thema häufig zur Sprache zu bringen. Denn unabhängig davon, welche ‚gesellschaftliche‘ oder ‚soziale‘ Relevanz dieses Thema möglicherweise für andere hat, so zeigt es doch, dass der- oder diejenige sich so sehr für etwas begeistert, dass es ihn oder sie die ganze Zeit beschäftigt. Und das ist großartig, denn wer etwas in seinem Leben gefunden hat, wofür er oder sie so sehr brennt, dass es kein anderes Gesprächsthema gibt, der hat großes Glück finde ich. Bei mir hat es (für mein persönliches Empfinden) sehr lange gedauert, bis es Klick gemacht hat. Einen Bachelor und einen Master Abschluss habe ich gebraucht, um den Bereich zu finden, in dem ich mich wohlfühle und mit dem ich mich, sowohl privat als auch beruflich, gerne weiter beschäftigen möchte. Das Thema Nachhaltigkeit in all seinen Facetten begleitet mich jeden Tag und ist mittlerweile so fest in meinem Alltag verwurzelt, dass ich mir manchmal an den Kopf fasse und mich frage, warum mir noch nicht früher klar geworden ist, dass es sich hierbei nicht nur um eine Laune oder ein kurzes Projekt handelt. Das Bedürfnis, darüber zu reden und es all meinen Lieben mitzuteilen, ist ziemlich groß. Das Bedürfnis, über meine Erfahrungen zu sprechen und andere Leute ebenso für dieses Thema zu begeistern – es ist schließlich aus der eigenen Perspektive unglaublich schwer nachvollziehbar, dass man sich dafür nicht begeistern kann – ist enorm. Doch genau an diesem Punkt kann das, was man selbst so unfassbar großartig findet, sehr schnell zu einem leidigen Thema für die anderen werden.

Ein Aspekt, den man bei all seiner Leidenschaft für ein Thema nicht vergessen darf, ist die Art und Weise, wie man dieses vermittelt. Ich ertappe mich selbst noch oft genug dabei, wie ich mich so sehr in ein Thema reinsteigere, dass ich, sobald mein Gegenüber nicht so reagiert, wie ich es mir vorstelle, auf stur schalte. Überzeugung auf Teufel komm raus. Mein Gegenüber ist anderer Meinung? Aber mein Standpunkt ist doch der richtige! Warum sieht er es denn nicht ein, dass ich Recht habe? Warum ist er nicht direkt von meiner Position überzeugt?
Ich weiß selbst natürlich sehr gut, dass diese Gedanken ziemlich dumm sind. Aber nichtsdestotrotz sind sie vollkommen natürlich. Es ist manchmal schwer, sich in sein Gegenüber hineinzuversetzen, der sich vielleicht mit dem Thema, nehmen wir als Beispiel Müllvermeidung, noch nicht auseinandergesetzt hat oder noch ganz am Anfang dieses Prozesses steht.
Wie man relativ schnell an der Reaktion seines Gegenübers feststellen kann, ist dies der völlig falsche Weg. Sobald jemand mit dem erhobenen Zeigefinger daher kommt und sich selbst auf einen Sockel der Weisheit stellt, macht der Gesprächspartner in der Regel – völlig zurecht nebenbei bemerkt – dicht. Denn wer mag es schon, wenn man oberlehrermäßig belehrt wird? Wenn man sich bei einem Gespräch irgendwie wie der Dumme vorkommt, der alles falsch macht? Niemand, würde ich sagen. Denn um der Meinung einer anderen Person zu folgen, und so vielleicht über sein eigenes Verhalten reflektiert nachzudenken, sind Erfahrungsberichte oder Tipps viel hilfreicher als wenn man nur zu hören bekommt, wie falsch doch alles ist, was man bisher so macht.
So einfach und simpel der Vorsatz auch klingt, einfach auf Augenhöhe mit jemandem zu kommunizieren, der sich für das Thema Müllvermeidung interessiert, so schwierig ist es doch manchmal in der Umsetzung. Oft genug lese ich Blogbeiträge oder Artikel, oder habe mich in Gesprächen wiedergefunden, in denen (ich nehme mich wie bereits beschrieben, da selbst nicht raus) von oben herab auf jemanden eingeredet wurde, der verpacktes Obst und Gemüse kauft und vielleicht einfach noch nie so wirklich über Alternativen oder die möglichen Konsequenzen seines Einkaufverhaltens nachgedacht hat.
Es ist unglaublich wichtig, dass wir alle an einem Strang ziehen. Denn zu sagen: Boah, ganz ehrlich, warum kaufst du denn noch Paprika in dieser Plastikverpackung? Hast du eine Ahnung, was für eine absolute Ressourcenverschwendung diese Verpackung ist?
bringt absolut nichts und man erntet keinen Lob für das eigene Verhalten sondern möglicherweise Spott oder Trotz. Doch stattdessen beim nächsten Mal ein wiederverwendbares Gemüsenetz mitzunehmen und direkt zu zeigen, was für eine einfache Alternative es gibt, regt die Person viel eher zum Nachdenken an.
Niemand ist perfekt und jeder fängt mal klein an. Diese zwei ausgelutschten Redewendungen mögen kitschig klingen, sind aber absolut wahr und treffen den Nagel auf den Kopf. Und statt auf den Fehlern von anderen rumzureiten und seine Bemühungen schlecht zu machen sollten wir uns lieber fragen: Wie kann ich ihm auf seinem Weg helfen, ein etwas müllfreieres Leben zu führen? Was wäre ein hilfreicher Tipp? Was würde mir in dieser Situation helfen?

Habt ihr Erfahrungen mit dem ‚erhobenen Zeigefinger‘? Und wie geht ihr mit solchen Situationen um? Ich freue mich über eure Kommentare!

Eure Julia